You wonder, why I look like this? A horse gave me a Glasgow kiss..

art as living
life is learning
art is about learning
learning is unequal to art
learning is to be renamed
as improvement
art is about improvement
(failure processes improvement)
aspirin improves art
retalin does not

-Durch Lernen wird Komplexität reduziert und selektive Perspektiven werden entwickelt, die auch die Antizipation von Handlungsaufgaben erlauben.- Hu.nach Ulich nach Bandura

Da spricht nun also Werner Hopf aus dem Bildschirm heraus und stellt durch einen einstündigen Powervortrag meinen gesamten Tagesablauf auf den Kopf. Es fällt das Wort Löschungshypothese. Soweit ich sie verstanden habe, geht es darum, dass es gar keinen Sinn macht, tagsüber zu lernen, wenn man sich vor dem Schlafengehen noch einen Film ansieht -mit Musikhören weiss ich es nicht sicher-, weil das Gelernte erst in der Tiefschlafphase ins Langzeitgedächtnis aufgenommen werden kann. Jedoch wird das alles überschrieben, wenn man sich noch stark emotionalisierenden Medien aussetzt. Na klasse. Keine Spur von positiver Verstärkung, also Belohnung mit Blödsinn. Wie soll man sich denn um zwölf nachts noch auf intelligente Dinge konzentrieren? Wieso ist denn Schule überhaupt am Vormittag? Aber sei’s drum. Probieren geht neben Studieren, Hand in Hand. Somit werden testweise die Tagesordnungsbestandteile umgeschichtet. Nach dem Aufstehen Filmgucken, und tatsächlich funktioniert Monty Python als Kaffeeersatz. Im nächsten Tagesordnungspunkt muss man möglichst viel, möglichst schnelle, anstrengende Musik hören -Anspieltipp: Otto von Schirach: homosexual mannequin-, dann kommt die Lust auf Ruhe beim Lernen und Arbeiten gegen Mittag von alleine. Tatsächlich zwingt man sich dann auch einfacher zum Laufen gehen(?), wenn es an nun qualvoll langen Abenden die einzige Alternative zum Arbeiten sein darf, sofern man den Gott des Schlafes nicht den Gott des Vergessens sein lassen will. Ob sich das in irgendeiner Form auf den Lernerfolg auswirkt – keine Ahnung. Scheint aber alles optimiert zu laufen.
Ich werde mich aber trotzdem nicht daran halten, völlig ohne Rechtfertigung, einfach aus Prinzip – frei gegen Watzlawick’s “Vernunft ist, das Richtige zu tun, obwohl es die Eltern empfohlen haben”.

In einem Land vor unserer Zeit haben Menschen noch in Bibliotheken und Museen gelernt. Mittlerweile begibt sich nur ein homöophatisch kleiner Teil an Bürgern in die Glyptothek und zelebriert die Hochkultur als neue Subkultur. Sie zeichnen dort alles ab, was ..ich weiss nicht, welche die Kriterien eigentlich sind. Zeitgenössische Akademieklassen gehen nämlich ein Stockwerk tiefer unter die Erde in den Mumiensaal und lesen sich Gedichte aus dem literarischen Satanismus des neunzehnten Jahrhunderts vor. Aber die Architektur bietet sich dafür geradezu an. Traumhafte Kulisse. Und sie wirkt alt, aber nicht ruinenhaft alt, sondern intakt, unmuffig, wie aus einem Historienfilm ohne Farbfilter. Die Glyptothek hat denselben Bauherren, der die neue Carlsbergbrauerei mit so unzählbar vielen indischen Swastikas dekoriert hat -einziger Fremdkörper dabei ist der nordische Donnergott mit Hakenkreuz Wagenrädern. Aber Hakenkreuze liegen in jedem Museeum geradezu als Meterware. Die Nationalhistorie der Kolaboration reicht nämlich auch schon mindestens siebzig Jahre zurück, wobei jedoch prominenter als die SS Zinnsoldaten, stets die Hitler Handpuppen und Hampelmann Hitler in den Vitrinen präsentiert sind. Ein erschöpfender Gedanke, dass so ein ausgelutschtes Thema niemals ausgelutscht werden darf. Falls man denn wirklich dazu Ausgleich bräuchte, nimmt man am besten eine der abermilliarden Alternativen an Ausstellungen wahr. Zum Beispiel eine über Computerspiele in der Nikolaikirche, in der es zwar in erster Linie um Gewalt geht, aber immerhin spielen dort ab und an ein paar Nerds lauschige Konzerte auf ihren Gameboys.

Allerdings. Viel bietet sich an und ich habe nicht einmal einen Bruchteil dessen gegessen, was auf der Speisekarte so schmackhaft angepriesen wird, wennauch ich es nicht lesen kann. Im Sommer ein Soundart Festival, vermutlich ohne mich. Denn ich habe es gewusst, es aber nicht kommen sehen, dass ich bereits nächste Woche zurückreise. Schon nach einer gerade ungut halbkurzen Zeit hier. Wie nur, wie soll man einen kulturellen Überblick bekommen, wenn sich die Events bis in alle Ewigkeit fortsetzten, man selbst aber noch nicht mal die touristischen Basics, wie das Tivoli abgegrast hat. Und was kann ich über das Land sagen, da ich -Schande über mich- weder die Olsen Bande gesehen habe, noch Paradise Hotel, obwohl derzeit doch jeder Werbeleuchtkasten in der Stadt mit kiloweise Silikon dafür wirbt?
Glücklicherweise sind gescheiterte Analysen und fehlerhafte Studien hinreißend hinreichend für deren Wiederholung, was heisst ich nehme Kopenhagen im Längsschnitt und komme in geeignet knappen Abständen zurück. Nächstes Mal mit eingenem Ohrensessel, nur der Anstrengung wegen.

MyMayhem (Kunst als Bierdose)

Wenn man eine Zeit lang keinen Sport getrieben hat, wegen Krankheit oder Dauerregen, braucht es erst mal wieder ein bisschen, um zurüchzufinden in den richtigen Rhythmus. Da bieten sich kleinere Runden dem Jogger reizvoller an als die langen langwierigen bergigen, und belohnen muss man sich natürlich auch, ganz wie es die Lerntheorien wollen, am besten durch richtig unterhaltsame Scheisse, etwa Krimis, die man sich währenddessen in die Ohren drückt. Lässt sich das auch sinnvoll auf die Kunst übertragen? Man weiß es nicht. Tatsächlich war ich in den letzten Wochen selten in Museen, zumindest ein paar mal in Gallerien. Vielleicht sollte ich vor dem ‘Wiederanfangen’ die Kunstanguckerei nochmal im Kopf durchgehen, damit man keine Fehler begeht und sich am Ende einen Krampf einfängt. Musikhören geht allemal, wennauch dies das Ergebnis der Sinneseindrücke verfälscht. Alfred Kubin plus neunziger Jahre BlackMetal führt zu Benjamin Christiansen-artigen Tagträumen, beispielsweise. Dennoch bin ich nicht sicher, ob solche Analogien greifen. Griffig wäre eine zwischen harter Kunst und weichen Drogen. Da könnte man sagen, zu Beginn hätte man es ausprobiert, weil es irgendwie cool ist und auch wenn es einem nicht schmeckte, hätte man’s der Wirkung wegen getan. So oder ähnlich.
Da war also eine ultra-öde Woche im Gange. Eine, in der das soziale Netzwerk nicht auffängt, was da von der hohen Erwartungshaltung ins Wochenendloch stürzt. Es mangelte sogar an Übersprungshandlungen, nachdem mir vom vielen Teetrinken schlecht wurde. Letzte Hoffnung, bevor ich im Ohrensessel ertrank: Mayhem. Das ist ein untergrundiger Veranstaltungsort im Nordwesten und liegt in einer alten Süßigkeitenfabrik, die nur noch von dickschichtigem Graffitilack in der Höhe gehalten wird. An dem Ort finden allerhand Seltsamkeiten statt, bzw es ist derjenige Ort, an dem das meiste Experimentalpotental in Sachen Musik aufgebracht wird und werden kann, weil es dort, so abgelegen, niemanden stört. Ebendort habe ich auch diese Tuareg Rockabillies spielen hören und dieses Filmscreening von Phil Niblock erlebt, bei dem es eineinhalb Stunden nur einseitige Noisebeschallung auf die rechte Gesichtsflanke gab. Allesamt erlebenswert – irgendwas muss man den Enkeln ja mal erzählen. Das Argument, es sei dort ‘immer gut, also wert hinzufahren’ lässt sich neutralisieren mit einem Schritt nach draussen in den Winterregen- und es kostet doch wieder Überwindung. ‘Faule Sau’, rufen die einen. Die anderen, nämlich ich, haben gute Gründe. Mayhem ist ein bisschen außerhalb gelegen, wenn man denn annimmt, meine, in der entgegengesetzten Himmelsrichtung außerhalb gelegene Wohnung sei das Zentrum. Es braucht eine Stunde zufuß in der Nasskälte von A nach B. Und das weiss ich nur, weil ich erfahren musste, dass im Mayhem der Zufall seinen schwarzen Humor auslebt: einmal riss am Punkt der weitesten Distanz zum warmen Heim die Fahrradkette und das andere mal fing mein fake-Fahrradschloss, das nicht funktionierte und immer nur so zusammenhegängt wurde, dass es Diebe optisch abschreckte, wieder an zu funktionieren und sperrte – der Schlüssel dazu selbstverständlich seit Jahren verschollen. Erneuter Heimweg per pedes. Sei es drum: aufgerafft, hingefahren und siehe da: keiner da. Fast keiner. obwohl ich mindestens eine halbe Stunde nach angekündigtem Beginn eintraf, war nichts geboten, außer den Musikern beim essen zuzusehen – einer, ein Herr aus Flensburg, brauchte allein eine viertel Stunde, in der er Zutaten zurecht schubste, bis er den ersten Bissen tat.
Allmählich trafen dann doch mehr Besucher ein, darunter auch Kommillitonen, was zu einem glücklicherweise kurzweiligen Abend führte. Er wurde mir nämlich vorgestellt: Jens, eine lebende Legende. Jens, der Prototyp des Rockers, klassischer Stil. Fetzenjeans, Lederjacke und ein vom Schnaps gefressenes Gesicht unter schulterlangen blonden Locken. Ich habe nicht viel verstanden von dem , was er erzählt hat, nur dass er Sänger in der Band Tumor -fucking- Warlord ist. Sie spielen SciFi Punk. Er ist wohl eher berüchtigt dafür, eine raumfüllende Partymaschine zu sein als ein guter Sänger und tatsächlich tanztorkelt er nach einer Stunde oben ohne und mit Rave NeonLeuchtmitteln in der Hand vor dem Tisch einer mittelguten Noise Performance. Aber an dem Abend war er wohl aufgebracht, denn – und jetzt sind wir wieder bei der Kunst und Kunstbetrachtungsmotivation, also fast schon Fachdidaktik – er kam gerade von einer Ausstellungseröffnung. Die Exponate stammten aus dem Bereich Malerei und Skulptur, das Konzept eher aus dem Werbemanagement: Als Lockstoff für die Presse und die Meute lud die Künstlerin eine in einschlägigen Kreisen bekannte Amerikanerin ein, die im echten Leben Bierdosen mit ihren Brüsten zerschlägt und bat sie, nun zwischen ihren Objekten zu wüten. Jens hat ein Autogramm bekommen, die Ausstellung einen Zeitungsartikel in Politiken.
Am Folgetag gab es Diskussionen über Wertschätzung der eigenen Kunstprodukte, Strategien, Anbiederung und wie es möglich ist, mit Brüsten Dosen zu zerdrücken, rein mechanisch betrachtet. Aber es wird ausser acht gelassen, dass leider gar niemand behauptet hat, die Aktion wäre Kunst gewesen, weil der andere Teil des niemands nicht danach fragte, weil jeder weiss, dass es Werbung war, die den Teufel vom Sofa trieb.
Visuelle Poesie oder Parodie auf Volkskunst – irgendwas muss man den Enkeln ja mal erzählen.

hast du keinen namen, such dir einen neuen namen und
ohrfeigen verteile, falls diesen keiner kennt!
ein lego-bauklotz-stecksystem steht stets bereit,
dein glasbeton-bunker, gefärbt im trend der zeit.
der antihaltungsmarkt verkauft sein meinungs-merchandise,
an dich als den,
der keine sprüche über liebesmangel weiß.
einmal noch zum aderlass, zwecks initiation.
das bringt kindersegen in der resig-nation.
entfacht, die angst vor der trägheit der
masse und macht
dich zum partikel einer masse, die nur kleiner ist.
selbstausgrenzungspraxis/ zugehörigkeitstaktik
dialektik der kritik an allem/ dialektik der kritik an nichts.
ich und du als roboter.
das trifft den kopf auf den nagel.
plastik-legierung kruste spürt keine schmerzen,
anders als tatsächlich knochen und nerven.
du bist ein bauhaus-kaspar-bauhauser,
ein stahlbeton-weichbeton-gemeindebau,
du bist ein architektier, mein schatz.

Klatsch

Der Winterschlaf hat eingesetzt. Wie bereits vor Monaten prophezeit, aber wie bei allen Prophezeihungen erst im eigenen Erleben bestätigt, hat sich jeder zuhause verschanzt und meidet die Öffentlichkeit. Vielleicht habe ich den Eindruck auch nur, weil ich selbst zu selten das Haus verlasse und deshalb niemanden treffe. Kalenderlich betrachtet ist es Winter, aber faktisch ist es, wie überall anders in MittelsüdnordwestEuropa nasskalt aber nicht wirklich kalt genug, dunkel und virenverseucht. Bei vielen geht die Katerstimmung nahtlos in einen totalentschlackenden Infekt über und ich bin froh, dass es so leicht ist, öffentliche Plätze und Transportmittel (ja, gibt es solche überhaupt?- bin hier in den letzten 3 Monaten einmal mit dem Bus gefahren) zu meiden und einer Ansteckung zu entgehen. Freilich aber muss man an die Luft und mindestens ein-zwei Stunden herumlaufen. Fast schon wie alte Leute. Die machen das auch – müssen es sogar tun, sonst sterben sie, habe ich gehört. Aber man hat dann immer so pragmatische Ansprüche, man müsse das bloße Spazierengehen mit etwas nützlichem Verbinden: Field recordings habe ich zwar gemacht und sogar ein paar gute Explosionsgeräusche aufgenommen, allerdings waren die Batterien plötzlich leer und es wurde nichts gespeichert. Ziemlich unprofessionell aber geben wir einfach dem blues die Schuld. Fotos wollte ich schiessen, nur ist das ohne ausreichend Licht enorm erschöpfend und enttäuschend. Zudem der Regen – “da macht man sich ja das ganze Equippment kaputt” – als wäre das schon jemals ein produktives Argument gewesen.. Also reines Flanieren? Ohne irgendwas dazu? Für einen Flaneur bin ich zu schnell unterwegs (und das als Doomer!) aber Entschleunigung ist erstrebenswert und lässt sich inszenieren. Erstens benötigt man nen Audioplayer mit -immerhin- Rimbaud, vorgetragen durch das zärtliche Schreien Kinski’s, zweitens eine Route. Darauf liegen nach Möglichkeit viele Schaufenster mit Kuriosa; Auf meiner Strecke bespielsweise viel Unterhaltsames, das sich von Modeboutiquen zu Secondhandgeschäften zu Erotik- und Fetischshops steigert. Auf den letzten paar hundert Metern gibts es dann nur noch Dildos zu sehen oder zumindest dazu zweckentfremdete Kleinplastiken, mit wirklich keierlei Ähnlichkeiten zu auch nur irgendwelchen Körperteilen.
Was man noch braucht sind Cafés. Nicht nur eins. Die ganze Nacht würde man sich im Bett wälzen, wenn man unter den massenhaften Lokalitäten das falsche ausgewählt hätte. Alle repräsentieren ein Individualkonzept und ich weiss nun wirklich nicht, welches zu mir passt, wenn es mir niemand sagt. Einfach mehrere nacheinander durchprobieren, heisst die Taktik für alle Kaffeehausschizophrenen. So schwer es fällt auf die Straße zu treten ohne sich mit einer Kippe zu belohnen, so peinlich ist es auch, im Café keinen Kaffee trinken zu wollen. Aus Gründen der Nervosität, sie verstehn (Dazu Joachim Radkau in diversen Versionen)? Klar, es gibt Tee aber damit ist man immer vor seiner eigenen Eitelkeit abgestempelt, entweder als Öko oder kranker Bleib-mir-fern. So geschehen einst in Oslo, als ich zu nem Festival geflogen bin und von meiner Begleiterin am ersten Tag als Alki beschimpft wurde und mir ab dem zweiten Tag anhören musste, dass es nun ‘gar nicht geht’, dass ich im Pub Tee trinke, wo mich all die bewundernswerten Musiker sehen können. Der Fjordwind hatte schuld, er hat mich erkältet und mein Barometer auf ‘egal’ gesetzt. Und es war auch richtig so, man muss sich nicht entscheiden müssen – egal – dann eben kein Tee – fünfunddreissig Kronen für Chai schlägt auf Dauer doch auf den Magen. Es hat auch Cafés, die gleichzeitig Plattenläden sind, denn siehe da 1+1, Vinyl und Kaffee, beides schwarz! und man kann stöbern statt trinken. Das geht nichtmal bei McD. Vom Verhalten her leider ganz deutlich eine Übersprungshandlung und in der Biologie eher neagtiv besetzt. Ansonsten bietet die Umgebung nur die üblichen, faden Themenbars mit Jungel oder Oma-Spitzentischdecken-Flair, das St-Pauli-Pub oder eine Art Apres Ski Hütte, die -glaub ich- sogar so heisst. Davor riecht es immerzu nach altem Bier und Kotze, recht authentisch also, aber ich werde pfuiteufel nie herausfinden, wie es im Inneren ist. Ein Muss/must jedoch: die Künstlerkneipe. Überall anderswo stellt man sich darunter gemütliche Boazen und Kaschemmen vor, Erlebnisbuden für Unterschichtentaucher und tatsächliche Bodensatzliebhaber, wie sich aber zeigt, ist diese Vorstellung überholt. Jeppe Hein’s Karrierebar ist ausgestattet mit wertstarken Objekten und Einrichtungsgegenständen, die er von namhaften Künstlerfreunden fertigen ließ (oder diese ließen sie fertigen). Sie stehen und hängen dort etwas verkannt in der Bar, die sich leider in der Atmosphäre nicht von den meisten anderen Clubs im Fleischstadt genannten Verdichtungspunkt des Nachtlebens abhebt oder zumindest darunter hindurch duckt. Davor zackt sich ein Paravent von Dan Graham, so einer mit halbdurchlässigem Glas und Lochblech, der Wochenende um Wochenende als Pissecke und Vomitorium dienen muss. Displacement von Kunst in ihrer konfrontativsten Form.
Letztlich gehe ich dann doch nur daran vorbei bzw mache kehrt und kehre heim: ‘kein Tee im Café is so schee wie eine Jause zuhause’.
Morgen nächster Versuch, nach draussen zu gehen. Es ist gar nicht so gut, sich im Interieur zu vergraben oder in die Buchfalten hinein. Vor der Tür eine seltsame Welt – es lohnt sich: in den letzten Tagen habe ich, trotzdessen die Stadt angeblich im Winterschlaf liegt, einen Tatort (,echter ohne ARD) gehsehen, mit Blut und Polizisten, die Soßenbinder aus Tetrapacks auf das Blut gießen, und insgesamt drei Ärsche. Zwei davon gehörten zu jungen Frauen, die vor mir liefen und aus dem Nichts ihre Strumpfhosen herunterzogen. Da waren sie dann, aber irgendwie doch nicht, eine Situation, wie aus der Fahrschule- Schrecksekunde. Sie haben mir halbbeschämt erkärt, warum sie das taten, aber ich hab ja kein Wort verstanden. Es war wohl Alkohol im Spiel. Der dritte Arsch gehörte zu einem klassischen alten Zausel, dessen urinös gefärbte Hosen sich während er ging der Schwerkraft unterwarfen und die Sonne auf den Mond schien- auch hier vermutlich: Alkohol.

Sylvesterror auf dem Silverstar

Das Thema Jahreswechsel ist in der Regel zu meiden. Aus Prizip. Denn es ist ein weiteres Sentimentalitäts-Inferno bei dem aller (Leute) Erwartungen extrem hoch sind, jedoch am Ende, bzw am Anfang des nächsten Tages, doch nichts besonderes geschieht. Und dann ist man enttäuscht. Wovon?- weiß man nicht. Da werden wieder abergläubische Bräuche aufgeführt, nur um die Zeit zu erschlagen – und ja die Wäsche von der Leine nehmen! Wegen der  Altlasten und so. Aber wir wollen mal nicht so sein. Rainald Grebe bespielsweise veröffentlicht -vermutlich- immer zu Weihnachten und Sylvester seine Arbeiten (zumindest finden sich überdurchschnittlich viele Lieder dazu auf den Alben) und erzeugt damit eine sehr angenehm aggressive Jahresendzeitstimmung. Angenehm, weil man seine Gedankenstrukturen wiedererkennt und sich nicht alleine fühlt in einem seinem Grant: “ich bin normal!”. Nur ein bisschen einfallslos von mir, den Tag so zu verbringen. Also mit deutscher Unterhaltungskultur. Noch dazu mit Identifikationswert. Aber es sind nunmal wenig Alternativen in Sicht, da viele Freunde, seien es nur Facebookfreunde, nicht in Kopenhagen sind und ich mich weigere, mich dem Rest aufzudrängen. Also Alleinunterhalter. Immerhin sind zwei der Filme, die ich gesehen habe ‘vor meiner Zeit’ entstanden und waren auch gar nicht so gut, besitzen demnach eventuell intellektuelles Potential. Besonders gefreut habe ich mich über einen davon, “der Biß” von Marianne Enzensberger. Eine zähe low quality Vampirgeschichte in Berlin, jedoch sehr charmant, dem Thema entsprechend. Unfassbar, wie es diese Familie schafft, sich gegenseitig so ähnlich zu sehen. Alle gleich dem großen Hans Magnus, Schutzpatron der Raucher (Die Zigarette sei ein eigentlich ein Rauchopfer, “es ist also gottlos, nicht zu rauchen”). Ausser Marianne selbst, die aussieht ein bisschen aus wie Andrea Haugen. Enzensbergers als irgendwie-Norweger sind immerhin mentalitätsmäßig nur ein paar Kilometer von Dänemark entfernt.
In einem anderen mittelguten deutschen Film habe ich mal den Plattreim “neues Jahr, neues Haar” aufgeschnappt, ins Regelwerk übernommen und finde mich seitdem jährlich am 31. Dez vor dem Badspiegel im Versuch, mir mit Hilfe halbdefekter Schergeräte die Haare zu schneiden. Wobei ich eher ‘Frisur bauen’ sagen sollte. Das Resultat ist nicht gut, dafür ein bisschen radikal und ich muss mich nichtmal darüber ärgern, weil niemand anderes dafür verantwortlich war (- man soll nicht lügen aber Frisöre provozieren Lügen mit der Frage: sind sie zufrieden?). Damit sind auch wieder ein paar Stunden verbraten und nach dem Verrenkungs Yoga mit Kamm und Rasierer zwischen zwei Spiegeln hat man ausreichend Auge-Hirn-Hand Koordination, um sich ‘Meisterzeichner’ als Berufung eintragen zu lassen. Ich gebe allerdings den Hinweis, nicht vergleichend Youtube aufzurufen, falls man sich denkt: Hey, der Schnitt sieht irgendwie aus wie der von Sinnead O’Connor. Habe es getan und nun den erzwungenen Neujahrsvorsatz, den Ohrwurm von diesem einen Prince-Coversong bis zwölf Uhr wieder loszuwerden. Mit so einem Lied darf man das nächste Jahr nicht beginnen, sonst..naja, sonst was? Wir wollten Aberglauben vermeiden, also egal. Lassen wir es zu und starten dagegen mit der Frage nach 2012, warum Sinnead O’C nicht punk sei. -Sofern man dieses als Tugend betrachtet und das Gegenteil, PopChartTum, verteufelt.
Was man sich sonst so wünscht allgemein? Gesundheit, Freiheit von Süchten aller Art, Chancensteigerung im Beruf… dieses betrifft nun ‘uns’ Künstler ganz besonders. Es gibt nämlich seit geraumer Zeit einen bislang unbehobenen Systemfehler, nämlich die Ausbildung zu einem Beruf, von dem keiner weiss, was er ist. Folglich weiss nur ein geringer Teil der Maler, Bildhauer etc wie sie ihren Lebensunterhalt über Jahrzehnte verdienen sollen. Obwohl es heisst, man müsse nur gut sein in dem, was man tututut..Möglicherweise sehen wir das Angebot auch nur zu einseitig. Es ist auch gar nicht notwenidig, die schöne Hochkultur mit neuen Produktionen zu- zu müllen. Fähigkeiten transferieren! Es gibt schließlich Nebenbereiche, die den Kunstbegriff ausweiten in alle C(!)reativjobs hinein. Zum Beispiel Kunsträuber oder Kunstfälscher, offenbar sehr lukrativ, wie der Jahresbericht mitteilt. Ich gestehe, ich taumel’ in fadem Zynismus, aber das ist eben das, worüber man sich unterhält.
Wahrscheinlich wäre es an dieser Stelle interessanter zu erfahren, ob Dänen heute abend auch dasselbe Zeug glotzen wie die Deutschen, aber ich weiss es schlichtweg nicht. Mit Sicherheit haben sie aber Flaggen und irgendwas Gebackenes. Draussen böllern sich auch schon den ganzen Tag die Kinder die Seele aus dem Leib und die Hände von den Armstümpfen, wobei ich glaube, sie nutzen die Gelegenheit des Anlasses, die nebenanliegende Schule unter Beschuss zu nehmen. Rückschlüsse auf das Bildungssystem sind zulässig aber nicht sehr produktiv. Jugend, Reformbewegung, Böller – alles schon uralt. Systemwechsel kommen eben nicht von heute auf morgen.
“Ich komme zum Ende” – sagen auf Tagungen immer alle, wenn sie denn tatsächlich zum Ende kommen, weil es Adorno etc schon immer so schön gesagt haben. So reihe ich mich unter ihnen ein und verabschiede mich nach draussen, denn heute ist die Nacht der arythmischen- readymade- SoundArt und sie schreit sprichwörlich nach Recordern.

 

Exkursion

Heimaturlaub entspricht Kinderlähmung. Ich meine nicht die Krankheit. Es geht ums unwohle Nichts-tun-können, wenn man in den Feiertagen die Familie für längere Zeit besucht. Morgens nimmt man sich vielleicht noch viel vor, gegen Abend aber hat man nichts geschafft oder geschaffen, ausser ein paar Fotos zu schiessen und wuselt wie ein Tier im Käfig, im Haus oder in den Dorfstrassen herum. Die Ortschaften hier liegen wie einzelne, hermetische Hirnschalen in der Landschaft rum und es dringt wenig hinein: “Urbi et Orbi, sagt Wulff und nimmt dabei die Merkel Pose ein. Mit den Händen und ohne Ausschnitt und so. Evtl hat er denselben PR Berater wie der Papst”. Hier ist die Welt nicht deckungsgleich mit etwa der aus der Zeitung. Wenn man sich über das ‘Idyll’ beschwert, ruft man bei manchen Menschen Frust hervor: “Ist das Ei gescheiter als die Henne ist es zeit zum Schlachten”, sagen sie und weinen. Das nehme ich als Kompliment, verschiebe trotzdem folglich meine Lernphase zeitlich nach hinten. Prüfungsversagen als Liebesbeweis.
Mit dem Begriff muss man eh vorsichtig sein. Also dem der Heimat, der vieldiskutierte. Er steht stets in Relation zur eigenen Entfernung von einem Ort und wird erst dadurch emotional aufgeladen, weil man eben den Sprung aus dem Nest macht – wie bei “Hänsel und Rotkäppchen verheizen Hexen auf dem Runenberg” etc. Und die Größe der empfundenen Heimat steigt direkt proportional mit der Entfernung. Identifiziert man sich mit ihr, vergleicht man im Grunde das eigene Verhalten mit dem von Fremden in der Ferne bzw. das Verhalten der Leute aus der ‘Heimat’ mit dem erlebten Fremdverhalten und versucht anhand dessen herauszufinden, wie sehr das eigene Verhalten dem Verhalten in der Heimat mittlerweile widerspricht. So fuhr ich die große Vergleichstour Kopenhagen-Berlin-München-Wien-Salzburg-Marktl per Bus und carsharing. Aber die Ergebnisse sind mager. Christoph Waltz hat wohl gesagt, der Wiener sei nett, meine es aber nicht so. Vermutlich ist die Aussage mehr unterhaltsam als sie richtig ist. Zwei Tage später rufe ich den Satz wieder aus der Nachrichtenlöschablage ab. Im Gegensatz zum Wiener ist der Oberbayer-Ost also wirklich ehrlich freundlich aber immer unter dem Vorzeichen einer Deprimiertheit. Man begegnet einer Leidgenossenschaft nördlich der Alpen, vereint durch ihre Opferrolle, demütig vor Gott, einem anderen Hirngespinst, einer Naturkulisse, den Nachrichten oder einer Machtlosigkeit, einer universellen.
Aus momentanem Dänemark Mangel hier also nur ein Gedicht in Fremdsprache aus dem Beat Hotel Mama, zwar nicht up gecutted, dafür durch den Google Übersetzer als ‘stille Post’ gezogen. Mal sehen, was am Ende rauskommt.

Kitsch crusher vs. decor kitchen
om smag kan være giftige mix.
Hver af os tager det så meget som han kan på ex.
Tekster, vi taler ikke.
Endelig ingen sufflør er der,
og det ville være uhøfligt at improvisere, i vores lille kammer teater.
Vi er ikke så rettidig, så vi holder stille, venter i vores boligområder indstilling.

>>Man hat gefragt, ob Täuschung gut wäre? – Sie ist notwendig, sobald die Gerechtigkeit verletzt werden soll. [...] Die Ungerechtigkeit und die Bedrückung müssen im Finstern schleichen, nicht sowohl um sich zu verbergen, als um ihre Opfer zu schonen. Wäre es nicht dem amerikanischen Zuckerpflanzer die ärgste Grausamkeit, wenn er zu seinen Sklaven spräche: “Ihr seid Menschen sowohl als ich, aber ich will euch wie das Vieh behandeln?”<<>>Alle Bürger sind Kinder des Staates; gegen alle muss er gerecht sein: alle sind ihm gewisse Pflichten schuldig. Behandelt er sie ungleich , so macht er sich aus den Begünstigten und dem Beeinträchtigten Sklaven- Kinder hat er nicht mehr, weil keine Liebe mehr stattfindet. Und aus Sklaven macht man leicht – [......].<<   P.Villaume 1788